Interview der Blogredaktion mit Oracle-Lizenzexperte Michael Paege.
Michael, es scheint, es gibt Neuigkeiten bei Prozessoren und Hardware-Architekturen im Hause Oracle? Was ist da los?
Michael Paege: In den vergangenen Jahren haben sich Prozessorarchitekturen erheblich verändert. Sowohl Intel als auch AMD setzen zunehmend auf Designs, die deutlich mehr Rechenleistung auf gleichem Raum ermöglichen. Für die meisten Unternehmen ist das zunächst eine positive Entwicklung. Im Oracle-Umfeld können diese technischen Veränderungen jedoch unerwartete Auswirkungen auf die Lizenzierung haben.
Gerade bei Oracle Database Standard Edition 2 (SE2) gelten bestimmte Einschränkungen hinsichtlich der Nutzung von CPU-Sockets. Nämlich, dass die DB SE2 nur auf Server mit maximal 2 CPU-Sockets eingesetzt werden darf.
Und was hat jetzt der CPU-Sockel, also der Steckplatz, mit der darin steckenden CPU zu tun?
Michael Paege: Bereits seit 2011 definiert Oracle in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (Oracle Liztenz- und Service Abkommen (OLSA), (Transaktionales) Oracle Master Agreement ((T)OMA) und Lizenzdefinitionen und Regeln (LDR)) bei Multi-Chip-Modulen, dass jeder Chip auf einem Multi-Chip-Modul einem (belegten) CPU-Socket entspricht.
Was hat sich bei aktuellen Prozessorgenerationen konkret verändert?
Michael Paege: Moderne Prozessoren setzen zunehmend auf sogenannte Chiplet- oder Multi-Die-Architekturen. Dabei besteht ein Prozessor nicht mehr zwingend aus einem einzigen Silizium-Chip, sondern aus mehreren miteinander verbundenen Komponenten.
Solche Multi-Chip-Module gibt es bei der IBM Power Prozessorserie schon sehr lange. Bei AMD sind die Ryzen- und EPYC-Prozessorfamilien ebenfalls schon seit einigen Jahren meist Multi-Chip-Module, und bei Intel trifft man seit der 4. Generation der Xeon-Prozessoren ebenfalls verstärkt auf Multi-Chip-Module.
Warum ist das gerade für Oracle Database Standard Edition 2 relevant?
Michael Paege: Oracle SE2 ist bewusst für kleinere und mittlere Datenbankumgebungen positioniert. Deshalb sind die Nutzungsmöglichkeiten der Hardware/CPUs gegenüber der Enterprise Edition eingeschränkt.
Diese Einschränkung besteht – neben der in der DB SE2 Software vorhandenen Einschränkung auf die Nutzung von maxinal 16 Threads für Datenbankprozesse – hauptsächlich in der oben bereits erwähnten Begrenzung auf Server, die maximal 2 CPU-Sockel haben dürfen. Hat ein Server beispielsweise 2 SPU-Sockel, von denen ein CPU-Sockel mit einer CPU mit zwei Chips gefüllt ist, dann hat dieser Server nach den aktuellen Oracle-Regeln drei CPU-Sockel: 1 gefüllter Sockel mit 2 Chips, also 2 Sockel plus ein leerer Sockel, in Summe also drei Sockel. Und darauf darf eine DB SE2 nicht eingesetzt werden.
Wenn neue Hardwaregenerationen eingeführt werden, stellt sich regelmäßig die Frage, wie diese Systeme unter den bestehenden Lizenzregeln einzuordnen sind. Unternehmen müssen sicherstellen, dass die eingesetzte Hardware weiterhin mit den Vorgaben von Oracle kompatibel ist und keine unerwarteten Lizenzrisiken entstehen.
Welche Risiken siehst du aktuell für Unternehmen?
Michael Paege: Das größte Risiko besteht darin, Hardware ausschließlich aus technischer Perspektive auszuwählen. Viele Unternehmen betrachten Performance, Energieeffizienz oder Anschaffungskosten, ohne die Oracle-Lizenzierung frühzeitig einzubeziehen.
Im ungünstigsten Fall wird eine neue Plattform beschafft und erst später festgestellt, dass die geplante Nutzung lizenzrechtlich problematisch oder wirtschaftlich nachteilig ist. Die Kosten für nachträgliche Anpassungen können erheblich sein.
Betrifft das nur neue Oracle-Kunden oder auch bestehende Installationen?
Michael Paege: Das betrifft neue und bestehende Kunden gleichermaßen. Bestehende Kunden haben aber ggf. ein höheres Risiko, weil solche neuen Regelungen beim einfachen Hardwaretausch schnell m al übersehen werden.
Eine Plattform, die vor einigen Jahren problemlos eingesetzt werden konnte, ist nicht automatisch mit heutigen Architekturen vergleichbar. Deshalb empfiehlt es sich, vor einer Beschaffung sowohl die technische als auch die lizenzrechtliche Bewertung vorzunehmen.
Welche typischen Fehler beobachtest du in der Praxis?
Michael Paege: Ein häufiger Fehler besteht darin, Oracle-Lizenzexperten erst sehr spät in Infrastrukturentscheidungen einzubeziehen. Oft wird zunächst die Hardware ausgewählt, im schlimmsten Fall sogar schon bestellt, und erst danach geprüft, welche Auswirkungen dies auf die Lizenzierung hat.
Ein weiterer Fehler ist die Annahme, dass sich neue Prozessorgenerationen automatisch identisch zu ihren Vorgängern verhalten. Gerade bei grundlegenden Architekturänderungen sollte man genau hinschauen.
Was empfiehlst du Organisationen, die aktuell neue Datenbankserver planen?
Michael Paege: Ich empfehle, die Lizenzperspektive frühzeitig in die Planung einzubeziehen. Idealerweise werden Infrastruktur-, Datenbank- und Lizenzexperten bereits in der Evaluierungsphase eingebunden. So lassen sich spätere Überraschungen vermeiden und Unternehmen können eine Lösung auswählen, die sowohl technisch als auch wirtschaftlich sinnvoll ist.
Welche Fragen sollten IT-Verantwortliche vor einer Hardwarebeschaffung stellen?
Michael Paege:
Wichtige Fragen sind beispielsweise:
- Welche Prozessorarchitektur wird eingesetzt?
- Gibt es Besonderheiten bei der Anzahl von Dies, Chiplets oder Sockeln?
- Welche Auswirkungen ergeben sich für Oracle SE2?
- Gibt es bereits Erfahrungen aus vergleichbaren Projekten?
- Welche langfristigen Lizenzkosten entstehen durch die gewählte Plattform?
Je früher diese Fragen beantwortet werden, desto sicherer fällt die Investitionsentscheidung aus.
Und wichtig: Laut Oracle sind alle Intel Xeon-Prozessoren der 6. Generation nicht für die DB SE2 geeignet.
Erwartest du weitere Veränderungen in diesem Bereich?
Michael Paege: Die Entwicklung moderner Prozessoren schreitet sehr schnell voran. Deshalb ist davon auszugehen, dass Unternehmen auch künftig regelmäßig neue technische Konzepte bewerten müssen.
Für Oracle-Kunden bedeutet das, Hardwareentscheidungen nicht isoliert zu betrachten, sondern immer im Zusammenspiel mit Lizenzierung, Compliance und langfristiger Betriebsstrategie.
Über Michael Paege
Michael Paege verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Umfeld der Oracle-Lizenzierung. Gemeinsam mit unseren Datenbankexperten informiert er jährlich in umfassenden Lizenz-Webinaren über die neuesten Entwicklungen bei Oracle. Er engagiert sich bei der Deutschen Oracle Anwendergruppe, hält Vorträge und betreibt einen eigenen Blog. Bei OPITZ CONSULTING Systems arbeitet er als Senior Manager Cloud & Compliance und berät Unternehmen und Behörden jeder Größe zu Lizenzfragen.

