In meinem letzten Blogpost habe ich beleuchtet, wie sich Cloud-Anbieter auf die wachsenden Anforderungen an Datensouveränität einstellen – von EU-Regelwerken bis zu technischen Schutzmaßnahmen. Doch Souveränität ist keine Dienstleistung, die man einfach „dazu bucht“ – sie beginnt im eigenen Haus.

In diesem Artikel zeige ich, wie Unternehmen ihre Cloud-Architektur aktiv gestalten können, um Kontrolle über sensible Daten zurückzugewinnen. Sechs konkrete Stellschrauben helfen dabei, aus regulatorischem Druck unternehmerische Handlungsfähigkeit zu machen – pragmatisch, wirksam und individuell skalierbar.

Denn: Wer souverän handeln will, muss wissen, wo er steht – und welche Entscheidungen ihn wirklich weiterbringen.

6 Stellschrauben für mehr Datensouveränität in der Cloud

Was können Unternehmen also konkret tun? Sechs Stellschrauben helfen, mehr Kontrolle über die eigenen Daten zu gewinnen:

  1. Regionale Datenhaltung: Durch Speicherung und Verarbeitung in europäischen Rechenzentren wird die Schwelle für außer-europäische Behördenzugriffe erhöht und Transparenz über die Datenflüsse geschaffen.
  2. Eigene Verschlüsselung & Schlüsselverwaltung: Stichwort „Bring Your Own Key“ oder „Customer Managed Keys“. Damit behalten Unternehmen die Hoheit über ihre sensiblen Daten – selbst in der Public Cloud. Wichtig ist: Nicht nur verschlüsseln – sondern auch selbst kontrollieren, wer Zugriff auf die Schlüssel hat
  3. Sovereign- oder Trusted-Cloud-Angebote prüfen: Entweder ich bleibe beim Hyperscaler und nutze dessen Sovereign-Angebot mit europäischem Betrieb und Schlüsselhoheit – oder ich gehe direkt zu einem europäischen Anbieter, der zu 100?% im EU-Rechtsraum agiert. Beides sind Optionen – mit unterschiedlichem Souveränitätsgrad und je nach Risikoabwägung sinnvoll.
  4. Hybride und segmentierte Cloud-Architektur: Wer nicht alles auf eine Karte setzen will, sollte die Architektur flexibel gestalten: Zum Beispiel bestimmte Daten On-Prem betreiben, andere in der EU-Cloud hosten – oder Dienste so bauen, dass sie portierbar bleiben.
  5. Offene Standards & Open Source: Technische Souveränität hängt auch davon ab, wie stark ich von proprietären Lösungen abhängig bin. Offenen Standards wie z.?B. bei APIs, Datenformaten, Deployment-Tools mit Technologien wie z.B. Kubernetes, Terraform usw, helfen dabei enorm – damit kann ich leichter wechseln und behalte länger die Kontrolle.
  6. Governance & Compliance aktiv leben: Ohne Governance bleibt alles Theorie. Policies, Rollen, Audit-Mechanismen – all das muss definiert und gelebt werden. Viele Cloud-Plattformen stellen diese Governance-Tools bereits bereit – entscheidend ist, sie gezielt zu konfigurieren und regelmäßig zu nutzen.

6 Kennzahlen für mehr Souveränität in der Cloud: Cloud-Stadnorte in EU/DE, Eigene Schlüssel und Verschlüsselung, Sovereign/Trusted Cloud-Angebote, Hybride / Multi-Cloud-Modelle, Offene Standards & Open Source Stacks, Governance & Compliance Framework

Datensouveränität messbar machen: Reifegrad statt Bauchgefühl

Wie können wir aus dem Thema Datensouveränität etwas Handfestes machen? Etwas, das man messen, vergleichen und verbessern kann?

Der erste Schritt dahin: Klarheit über den eigenen Reifegrad. Denn oft ist die Cloud-Nutzung längst Realität – mal strategisch geplant, mal eher historisch gewachsen. Manche Systeme laufen produktiv, andere stehen noch auf der Roadmap. Doch egal wo Sie stehen: Um gezielt zu handeln, müssen Sie zuerst wissen, wo Sie anfangen sollten.

Und genau dabei helfen Kennzahlen. Keine graue Tabelle, sondern ein pragmatischer Blick auf sechs zentrale Bereiche, die zeigen, wie souverän Ihre Cloud-Infrastruktur wirklich ist.

Ihr Fragenkatalog könnte zum Beispiel so aussehen:

  • Wissen Sie, wo Ihre Daten tatsächlich gespeichert sind – und steuern Sie dies aktiv?
  • Sind Ihre Daten verschlüsselt – und liegt der Schlüssel auch wirklich in Ihrer Hand?
  • Haben Sie definiert, was schützenswert ist – und wie Sie damit umgehen?
  • Und ganz konkret: Wenn morgen ein Prüfer kommt – haben Sie die passenden Verträge, Nachweise und Protokolle parat?

Hilfreich sind konkrete Kennzahlen – von Verschlüsselung bis Vertragstransparenz. Einige Punkte kennen Sie vielleicht schon aus dem vorherigen Kapitel. Aber jetzt geht es ums Ganze:

Wie gut sind Sie wirklich aufgestellt – und was fehlt noch, um souverän zu handeln?

Die folgende  Grafik zeigt die wichtigsten Kennzahlen, die dabei helfen, ein klareres Bild vom eigenen aktuellen Stand zu bekommen – jenseits von Bauchgefühl oder Einzelmaßnahmen. Sie zeigen, wo bereits gute Grundlagen bestehen und wo gezielt nachgebessert werden kann.Das Diagramm zeigt diese 6 Kennzahlen: 1. Verschlüsselungsquote, 2. Datenlokalisationsklarheit, 3. Exitfähigkeit, 4. Zugriffstransparenz, 5 Datenklassifizierungsquote und 6. Vertragsklarheit

Datensouveränität ist kein One-Size-Fits-All

Natürlich gilt dabei: Souveränität ist keine Einheitsgröße. Was für das eine Unternehmen essenziell ist, kann für ein anderes überdimensioniert sein. Die passenden Maßnahmen hängen stark vom Geschäftsmodell, den Datenarten und den regulatorischen Anforderungen ab. Ob Bank, HealthTech-Start-up oder Maschinenbauer – jedes Unternehmen muss seinen eigenen Souveränitätsgrad definieren.

Deshalb lohnt sich der Blick auf konkrete Beispiele:

Die Deutsche Bank etwa nutzt längst Cloud-Dienste – beispielsweise Google Cloud für Datenanalysen. Aber eben nicht für kritische Kernsysteme wie Zahlungsverkehr oder Risikosteuerung. Hier gelten strenge Anforderungen der BaFin: klare Exit-Strategien, Datenlokalisierung in der EU und maximale Transparenz.

Im Gesundheitsbereich ist Ada Health ein spannendes Beispiel. Das Berliner Start-up entwickelt eine KI zur medizinischen Symptomanalyse – und speichert alle sensiblen Daten verschlüsselt in der Google Cloud, ausschließlich in einem belgischen Rechenzentrum. Die sensiblen Gesundheitsdaten sind logisch dabei getrennt von personenbezogenen Informationen – ein interessantes Beispiel für Privacy by Design in der Anwendung.

Und im Maschinenbau? Da geht es seltener um personenbezogene Daten, dafür aber oft um hochsensible Konstruktions- und Produktionsdaten. Unternehmen wie Trumpf oder Bosch setzen auf Cloud-basierte Predictive-Maintenance-Lösungen – lassen aber ihre CAD-Pläne lieber im eigenen Rechenzentrum. Der Fokus liegt hier auf technischer Kontrolle und Exit-Fähigkeit, nicht auf juristischer Isolierung.

Der gemeinsame Nenner? Bewusste Architekturentscheidungen und eine klare Risikoabwägung. Souveränität bedeutet nicht, alles abzusichern – sondern zu wissen, was gesichert werden muss.

Fazit: Souveränität ist eine bewusste Entscheidung – keine technische Konfiguration

Ob globaler Konzern, Mittelständler oder Behörde – wer die Cloud nutzt, steht heute in der Verantwortung, Datensouveränität aktiv zu gestalten. Das gelingt nicht durch Einzellösungen, sondern durch ein ganzheitliches Verständnis von Risiken, Schutzbedarf und Verantwortlichkeiten.

Die vorgestellten sechs Stellschrauben bieten dafür einen praktischen Rahmen: Sie helfen dabei, technische, organisatorische und juristische Aspekte sinnvoll miteinander zu verzahnen – und die eigene Cloud-Nutzung auf ein tragfähiges Fundament zu stellen.

Denn letztlich ist Datensouveränität kein Zustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess – und der beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Nutzen Sie die Chance, Ihre Architektur bewusst weiterzuentwickeln – Schritt für Schritt, mit klarer Zielsetzung.


Alle Artikel zum Thema Datensouveränität

 

Avatar-Foto
Alle Beiträge von Lienhard Siegmund

Ob Mittelstand oder Konzern – ich unterstütze Unternehmen dabei, ihre IT fit für morgen zu machen. Mein Fokus: Cloud-Technologien, Software-Modernisierung und digitale Souveränität. Im Zentrum steht dabei immer die Frage: Was bringt langfristigen Nutzen – technologisch, organisatorisch und strategisch?

Schreibe einen Kommentar