Was glauben wir eigentlich, wer wir sind?

In einer Zeit, in der sich viele Menschen, selbst in westlichen Ländern, offenbar nach autoritärer Staatsführung und Abschottung sehnen, will die IT die Anarchie einführen. Wie kommen wir dazu, zu glauben, dass uns das gelingen wird?

Anarchie ist die Königin aller Staatsformen. Denn sie ist die Abwesenheit von Herrschaft. Das Problem ist, dass sie nur dann funktioniert, wenn eine Gesellschaft reif dafür ist. Auf den ersten Blick mag die Analogie unsinnig wirken. Wenn man sich aber darauf einlässt, wird einem klar, wie utopisch es ist, Agilität als Einstellung und Grundlage für die moderne Arbeitswelt etablieren zu wollen.

Laut statistischem Bundesamt waren 2015 19.690.000 Erwerbstätige mindestens 45 Jahre alt. Das bedeutet, dass sie im besten Fall, als Kinder freier Liebe in der blumengeschmückten Obhut von Hippies aufgewachsen sind. Das bedeutet wahrscheinlich aber auch, dass sie in klassischen Rollenbildern als Kinder der Gewinner des Wirtschaftswunders in schmucken Vororten groß geworden sind. In einer Familie, in der Papa arbeitete und den Ton angab, Mutter kochte, wusch und bügelte und jeder sich über das definierte, wovon er mehr hatte als sein Nachbar. Es kann auch sein, dass diese Menschen das Nachkriegsdeutschland wieder aufgebaut haben und selbst Teil des Wirtschaftswunders waren. Vielleicht haben sie den Krieg sogar noch erlebt.

Mal abgesehen von den Blumenkindern (nur nebenbei: eine Bewegung, die sich nicht durchgesetzt hat) sind all diese Menschen in klaren Hierarchien aufgewachsen, in denen Strategien, Konzepte und Pläne aller Art von „oben“ entworfen und zur Umsetzung nach „unten“ weitergegeben wurden. Ein Teil dieser Generationen folgte Befehlen und Anweisungen, der andere Teil machte eben jene Vorgaben, kontrollierte ihre Einhaltung und optimierte die Kosten-Nutzen Rechnung.

Mir ist schon klar, dass das sehr vereinfacht dargestellt ist. Aber ich bin dennoch der Meinung, dass diese Geschichte einen wahren Kern hat, der nicht zu unterschätzen ist. Wir erleben in unserer täglichen Arbeit unter anderem, wie schwierig es ist, diese Rollen aufzubrechen. Und zwar für beide Teile. Wir kämpfen mit der Angst der klassischen Führungskräfte, dass ihnen die Kontrolle und ihr Posten verloren gehen. Genauso kämpfen wir mit dem Unbehagen derer, die jetzt plötzlich Verantwortung übernehmen sollen, obwohl sie eigentlich gerne nur Befehlsempfänger sind.

Haben wir je geprüft, ob wir als Gesellschaft bereit sind für die Veränderungen, die wir im Rahmen der Digitalisierung als Beschleunigung und Motor der Effizienzsteigerung vollziehen? Und noch einen Schritt zurück: Kennen wir überhaupt die Voraussetzungen unter denen eine Gesellschaft willens und fähig ist, so zu arbeiten, wie wir es uns auf schillernden Power Point Folien, bunten Flipcharts und glänzenden Whiteboards ausgemalt haben?

Das agile Vorgehen hat seinen Ursprung in der Softwareentwicklung. Die komplexer werdenden Aufgaben und die zunehmende Geschwindigkeit und Menge von Veränderungen machte es erforderlich, flexibel, schnell und in möglichst kleinen Einheiten, unabhängig von anderen Teilen eines Systems oder einer Organisation reagieren zu können. Iterativ inkrementelles Arbeiten in crossfunktionalen Teams: Eine gute Lösung für ein konkretes Problem. Das agile Manifest war die Verschriftlichung der Best Practices aus x-Jahren Softwareentwicklung und kein am Reißbrett erfundenes Framework. Die Unterzeichner standen hinter dem, was sie erarbeitet hatten, weil sie bereits wussten, dass es funktioniert.

Aber warum haben wir das Vorgehen aus der Softwareentwicklung in die Arbeitswelt getragen ohne uns zu fragen, ob überhaupt ein Problem besteht, das wir lösen müssen? Ich glaube, das ist die falsche Frage. Wir haben uns sehr wohl gefragt, ob der Bedarf besteht, die Arbeitswelt umzubauen. Wir haben erkannt, dass Konzepte in den Händen derer, die ihre Umsetzung bewerten und bewerkstelligen können, besser aufgehoben sind, dass Anforderungen nicht vom Himmel fallen, sondern derjenige, der sie äußert von Anfang an verstanden und in den Entstehungsprozess der Lösung eingebunden sein muss, dass das Übernehmen von Verantwortung für ein Produkt – egal welches auch immer es sein mag – die Qualität und die Bindung der Mitarbeiter an ihre Arbeit und ihre Identifikation mit der Organisation erhöht. Wir haben das verstanden, weil wir den Schmerz empfunden haben, der mit starken Hierarchien, langwierigen Entscheidungswegen, fehlender Einbindung von Betroffenen und mangelnder Sensibilität und Wertschätzung einhergeht.

Was wir allerdings vergessen haben ist, dass sich die Frage für viele nie gestellt hat. Wir setzen an mit Mindsets, Frameworks und Maßnahmen für Probleme, die andere gar nicht als solche sehen. Unfrei sein ist kein Problem für denjenigen, der seine Ketten mag oder vielleicht gar nicht weiß, dass es da draußen noch mehr gibt.

Was steht uns nun als Basis vielfach zur Verfügung? Aus ihrer Erziehung und Erfahrung heraus hierarchisch geprägte Menschen, die den Drang nach Veränderung nicht mitbringen und sie darüber hinaus nicht als zwingend einschätzen. Warum also glauben wir, dass wir vor diesem Hintergrund die Anarchie einführen werden?

Weil wir nicht anders können! Weil gegenseitige Achtung, Verantwortung, Gleichberechtigung und Leidenschaft unsere einzige Chance sind, die Gesellschaft in die Zukunft zu führen. Und weil Veränderung schon immer in kleinen Gruppen begann und durch ihren Erfolg nach oben getragen wurde, fangen wir bei einem Software Entwicklungsteam an…

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Eine Antwort zu Was glauben wir eigentlich, wer wir sind?

  1. verenascheller schreibt:

    „Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde“. Christian Morgenstern.

    Danke, Nina, für dieses Gedankenfutter!

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